Turmgeschichte(n)

  • Der heutige Kirchturm der St. Ursula-Kirche, einst ein wichtiger Teil der Befestigungsanlage der aufstrebenden und stark wachsenden Stadt Ursel, ist mittlerweile das Wahrzeichen der zweitgrößten Stadt im Hochtaunuskreis geworden.

    Die Besteigung des Turmes ist deshalb empfehlenswert, weil die Aussicht vom Umlauf bei gutem Wetter grandios ist! Der Blick reicht vom Odenwald bis zum Spessart, über Frankfurt und natürlich scheint der Taunus greifbar nah zu sein. Vor allem erschließt sich dem Betrachter die Ausdehnung der Altstadt und die teils noch vorhandenen Stadtmauerreste auf einen Blick.

    Manchmal muss ich Bedenken der interessierten Turmbesteiger „Ich habe Höhenangst!“ und „Oh, das ist aber eng, ich habe Platzangst!“ erst ausräumen und mit der herrlichen Aussicht Anreize schaffen, um in den Genuss der Überraschung und Begeisterung der „Gipfelstürmer“ zu kommen „gut, dass ich hoch gegangen bin!“. Nur selten bleibt jemand unten.

    Marion Unger
    Marion Unger bei einer Altstadtführung
    Ein weiteres Highlight wartet in der Glockenstube. Wenn dann auch noch das Anschlagen der Uhrzeit live erlebt wird, rezitiert nicht selten jemand die erste, vielleicht auch noch die zweite Strophe von 'Schiller’s Glocke' – ein feierlicher Moment.

    Skurril wird es, wenn man in der Chronik des Turmwächters liest. Nach der Fertigstellung des Turms gegen Ende des 15. Jahrhunderts zieht der Türmer mit seiner Familie in die 2-Zimmer-Wohnung ein. Er hat die Feuer- und Feindeswacht bei Nacht, wenn die Stadttore geschlossen sind. Er läutet die Glocke meist mit der Hilfe eines seiner Söhne und führt Reparaturarbeiten innen und außen am Turm und in der Kirche durch. Auch kündigt er am Wochenende nach Pfingsten die Ankunft des Waldbott aus Bad Homburg mit dem Aufstellen einer Fahne und einem Trompetensignal an. Dieser leitete das Märkergeding, das Treffen der Märker in Oberursel, das zeitgleich mit einem großen Viehmarkt in der Au, der heutigen Adenauerallee stattfand.

    Dennoch hatte er genug Zeit, sich um die Familienplanung zu kümmern. Am 8. Mai 1663 fiel in einem unbeobachteten Moment der zweijährige Sohn des Turmwächters Peter Münz herab – und überlebte! Vermutlich hatte der Kittel des Kindes sich aufgebläht und wie ein Fallschirm den Sturz abgebremst. Bäume und Büsche, die bis an die Kirchenmauer heranwuchsen, fingen das Kind auf und bis auf ein paar Kratzer war ihm nichts geschehen. Im Gegenteil, aufgrund der Aufmerksamkeit der heraneilenden besorgten Bürger freute sich das Kind und lachte. Gute Arbeit, lieber Schutzengel!


    © Marion Unger 2021



  • Gleich beim Kirchturm !


    Meine Postadresse lautet: St. Ursula Gasse 11, aber wenn ich einem Besucher die Lage meines Wohnhauses beschreiben will, dann sage ich: „Gleich beim Kirchturm!“. Der ist weithin sichtbar, ist ein Wahrzeichen der Stadt Oberursel und mein Nachbar. Ich bewundere seine Standfestigkeit, wenn es heftig stürmt. Ich bedenke die Zeit, wenn die Glocke schlägt, tags und nachts. Ich lächle, wenn die Stadtführerin die Geschichte von der Flennels erzählt und ihren Zuhörern die ungewohnte Schreibweise der Jahreszahlen erläutert, die die Zeit der Erbauung nennen. Vor langer Zeit!

    So manches kann ich nun von ihm erzählen...

    Wer es sich genauer betrachten will: Die Vorschaubildchen werden durch antippen größer
    Inhaltsverzeichnis:
    1 - Blick aus dem Küchenfenster
    2 - Sie bauten ihren Stadtturm!
    3 - Stefan hilft...


    - Kapitel 1 -
    „Blick aus dem Küchenfenster“

    Wenn ich aus dem Küchenfenster schaue, sehe ich die Eingangstür zur Wendeltreppe und darüber den Bogenfries mit kleinen Tiergestalten, die zu mir herüberschauen: Ein Widder, ein Affe, ein Schlangenwesen. Was soll das denn bedeuten?
    Sicht auf den Treppenturm
    Blick aus meinem Küchenfenster


    Ich schaue in dem Buch von Josef Friedrich über St. Ursula nach. Früher haben wir beide schon einmal über die Bedeutung gerätselt, aber keine befriedigende Antwort gefunden. Welches Fazit hat er zum Schluß gezogen? Er schreibt auf Seite 101:

    „Allegorische Figuren schmücken oberhalb - des heutigen Turmeingangs - einen Abschlusskranz. Eine Deutung als Symbole der Evangelisten bietet sich an.“

    Große Zweifel bleiben, denn Mensch. Löwe, Stier und Adler, Symbole für die Evangelisten Matthäus, Markus, Lukas und Johannes, sind nicht zu erkennen.
    Als ich kürzlich einen früheren Kollegen aus Mainz zu Gast hatte, habe ich ihm auch die Kirche gezeigt. Beim Blick auf den Fries und die Tiergestalten sagte er: „Diese Darstellungen kenne ich auch vom Mainzer und vom Wormser Dom!“ Er hat mir dann zwei Bilder dazu geschickt und Hinweise für weitere Nachforschungen gegeben. Was habe ich gefunden?


    Im Vergleich - Dämonen in Tiergestalt zum Wormser und Mainzer Dom.

    Detailbild Widder:
    Er ist, an St. Ursula ganz links, in Mainz und Worms die Zentralfigur. Seine Bedeutung erschließt sich aus dem Buch der Offenbarung (Kap. 13,11). Der Seher schreibt: „Ein anderes Tier stieg aus der Erde heraus. Es hatte zwei Hörner wie ein Lamm, aber es redete wie ein Drache. … Es tat große Zeichen; sogar Feuer ließ es vor den Augen der Menschen vom Himmel auf die Erde fallen.“
    Fries Wormser Dom



    Detailbild Affe:
    An St. Ursula folgt nach rechts ein Affe, wie er in der mittelalterlichen Dämonenwelt für den Teufel stehen kann. Er ist Nachahmer des Menschen und der Gottheit, Blender, manchmal mit einem Spiegel seine Eitelkeit demonstrierend, zugleich aber Bild des Bösen und Hässlichen. Hier ist es ein Pinseläffchen mit bärtigem Gesicht und langem, breitem Schwanz.


    Detailbild Schlangenwesen:
    Fries Wormser Dom

    Die Dämonenfigur des Basilisken, einer Schlange mit Hahnenkopf, folgt an dritter Stelle. Auch sie steht für den Teufel. Sein Blick lässt versteinern und bringt den Tod, sein Atem ist giftig. Beim Propheten Jeremia (Kap. 8,17) steht als Wort des strafenden Gotte: „Denn siehe, ich will Schlangen und Nattern unter euch senden, die nicht zu beschwören sind.“

    Die Tierwesen, die in Mainz und Worms zu sehen sind, rechts und links vom Widder, haben ihr Vorbild ebenfalls in der Offenbarung (Kap. 13,2): „Das Tier, das ich sah, glich einem Panther; seine Füße waren wie die Tatzen eines Bären und sein Maul wie das Maul eines Löwen. … Das Tier öffnete sein Maul, um Gott und seinen Namen zu lästern, seine Wohnung und alle, die im Himmel wohnen.“
    Der Theologe Otto Böcher bezeichnet die Kombination dreier teuflischer Wesen in der gotischen Bauplastik als „teuflische Trinität.“ Sie stellt ein Gegenbild dar zur dreieinigkeit Gottes und erscheint häufig an Friesen und Taufsteinen im Außenbereich gotischer Kirchen, meist nach Westen gerichtet. Die Tierwesen sind Allegorien und stellen einen abstrakten Begriff, einen Sachverhalt, leibhaftig vor Augen, hier: das Böse, Teuflische, Todbringende, das es abzuwehren gilt. Die Vorstellung herrscht, dass Angst und Schrecken verbreitende Dämonenwesen die heilige Sphäre des Innenraums einer Kirche schützen können.

    Wer nun eine Verwandtschaft der teuflischen Wesen am Fries über der Turmtür mit der „Flennels“ auf der anderen Seite der Kirche sieht, deren Fratze böse Geister abschrecken soll, der ist auf der richtigen Spur. Das Innere der Kirche, auch der St. Ursulakirche, soll einen Schutz vor dem allgegenwärtigen Bösen bieten. Hier mögen Menschen im Gottesdienst die Kraft empfangen, dem Teufel in der Welt zu widerstehen. Aus diesem Grund folgt zur Sicherheit auch noch ein
    Detailbild Engel.

    Friesblick
    Blick auf den Fries im Detail
    Der Blick vom Kirchhof zum Fries hinauf, dessen Dämonenwesen das Unheil vom Innenraum der Kirche und vom Turm abwehren sollen. Der Menschenkopf ganz rechts sitzt etwas tiefer. Er weist darauf hin, dass des Menschen Heil Ziel der göttlichen Botschaft ist. Deren Verkündigung möge dieses Gebäude dienen.



    Meist höre ich die Kinder schon, bevor sie sich vor der Tür zum Turm versammeln.
    Das bevorstehende Erlebnis, die vielen Treppen hinauf bis zur Galerie steigen zu dürfen und auf die Häuser der Stadt schauen zu können, versetzt sie in Aufregung, und ich wollte dieser Erwartung entgegen kommen.
    Wir begrüßen uns, nennen unsere Namen und auf meine Frage, was sie mit einem Haufen großer Bauklötze tun würden kam prompt die vielstimmige Antwort: „Da bauen wir einen Turm!“


    - Kapitel 2 -
    „Sie bauten ihren Stadtturm!“

    Hier stehen wir nun vor einem echten Turm, einem alten, ehrwürdigen Turm, dessen Jahreszahl des Baubeginns, 1479, an seinem Fuß eingemeißelt zu lesen ist. Eine Stadtmauer rund um die Siedlung hatten die Bewohner zum Schutz der Stadt schon gebaut, drei Tore und etliche Pforten, und nun sollte noch ein Stadtturm errichtet werden: So hoch, dass ein Wächter Bedrohungen aus der Ferne und Gefahren in der Nähe, z.B. Brände, gut entdecken konnte. Für die Zeitansage sollten Glocken und später eine große Uhr sorgen, deutlich hörbar und sichtbar, und schließlich wollten die Urseler auch weithin sichtbar den Stolz auf ihre Heimatstadt zeigen. Sie nahmen die Herausforderung zu einem Turmbau an!
    Detailbild Baujahr im Turmsockel

    Fachleute von auswärts, wie Baumeister und Steinmetze, wurden unter Vertrag genommen. Die Unterkunft und das Essen mussten von den Einwohnern ebenso organisiert werden, wie der Materialtransport von Steinen, Kalk, Sand oder das Holz für das Gerüst. Auch alle anderen Arbeiten auf der Baustelle, wie die Zubereitung des Mörtels, das Setzen der Ecksteine, das Aufmauern der Wände, Leitern hinauf und hinab – das war nach dem Anlernen durch die Fachleute hauptsächlich die Sache der Männer, der Frauen und der Kinder in der Stadt. Sie bauten ihren Turm!

    Die Jungen und Mädchen von Heute lassen sich ein auf die Aufgaben, die damals zu bewältigen waren. Ihre Ideensammlung ist fast vollständig. Ihre Zurufe zeigen es.

    Nachfolgend nenne ich einige Fragen, die Kinder gestellt haben, und meine Hinweise, darauf eine Antwort zu finden:

    Wie haben die Maurer die mächtigen Ecksteine an den rechten Platz gebracht?
    Dieser Sandstein z.B. wiegt knapp 400 kg, 8 Zentner, ohne Hilfsmittel nicht zu bewegen!
    An einem kleinen Flaschenzug, den mir ein Freund gebaut hat, finden die Kinder dann die Lösung: An ein Ende hängen wir ein 10-kg-Gewicht einer Waage, an das andere ein 2,5-kg-Gewicht. Fast ohne weiteren Kraftaufwand lässt sich die Last heben und senken. Allen ist klar: Mit einem Flaschenzug haben die Maurer das Problem gelöst.

    Wieviele Jahre haben die Oberurseler gebraucht, um den Turm bis zur Galerie aufzubauen?
    Die Jahreszahl unten ist? (1479)
    Am letzten Fensterchen unterhalb des Ausstiegs zur Galerie könnt ihr lesen? (1498)
    Das sind also wieviel Jahre?

    Es sind 19 Jahre - noch ohne die Turmspitze und die Türmerwohnung.
    Detailbild Turmbaujahr im Fenster.


    Warum waren die Glocken so wichtig für die Zeitansage?
    Glocken tönen, wenn sie mit einem Hammer angeschlagen werden (schlagen) oder wenn sie schwingen und der Klöppel dagegen schlägt (läuten). Während ich zum Schauen auf die Uhr Sichtkontakt brauche, kann ich die Glockentöne überall h ö r e n , im Stall oder in der Wohnstube, in der Scheune oder draußen auf dem Feld. Die öffentlich wahrnehmbare Zeitansage war für das gemeinsame Leben der Bewohner ein wichtiges Merkmal im Tagesverlauf.

    Wieviel Uhr ist es?

    Zu jeder Viertelstunde schlagen zwei Holzhammer ein-, zwei-, drei- viermal an zwei verschiedene Glocken - man hört ein "Dinnng-Donnng". Die vollen Stunden zeigt dann der Hammer an der großen Glocke mit dem tiefen Ton an. Gleich, wo sich die Kinder befinden, ob auf der Wendeltreppe oder auf der Galerie, sie hören bewusst auf die Zeichen zur geschlagenen Zeit.

    Was konnten eigentlich Kinder zu dem Bauwerk beitragen?
    Im oberen Teil der Wendeltreppe sind faustgroße Steine zu sehen, die Kinder im Urselbach oder im Wald gesammelt und in Säckchen oder Körben zur Baustelle gebracht haben. Und alle, die schon einen Eimer tragen konnten, brachten Wasser aus dem Bach oder dem Brunnen zur Grube, in der der Mörtel angerührt wurde. Um die Frühstückszeit oder in der Mittagspause sah man sie in Körben Essen und Trinken zu den Männern bringen, die hungrig waren - Auch die Jungen und Mädchen halfen also nach Kräften mit.

    Warum ist der Turm so hoch?
    Im Vergleich zu den Hochhäusern am Horizont ist unser Turm ja klein. Die Höhe der Galerie, 30 Meter über dem Eingang, ist zwar gering im Vergleich zu den Türmen Frankfurts am Horizont, aber es war nötig, dass sich Türmer und Wächter durch Rufen verständigen konnten. Ein Rufer vom Commerzbank Tower mit 259 m Höhe, 8 mal höher, wird unten nicht mehr gehört!
    Hier konnten sich die Kinder oben mit den Zurückgebliebenen unten verständigen!

    Eine Rätselfrage:
    Wenn wir die Führung am Wäschfraa-Brunnen an der Bleiche beginnen, dann frage ich zu Beginn: „Woran erkennt ihr, dass auf dem Turm ein Wächter mit seiner Familie wohnte?“ (Oft muss ich lange auf die richtige Antwort warten: Der Schornstein!)


    In der Türmerstube ist dann auch für die Turmbesteiger von heute Pause zur Stärkung. Die Rucksäckchen werden ausgepackt und wenn Ruhe eingekehrt ist, erzähle ich die Geschichte von Stefan, dem Sohn des Türmers, der einmal mutig dazu beigetragen hat, Feinde, die die Stadt einnehmen wollten, zurückzuschlagen:


    - Kapitel 3 -
    Stefan hilft die Stadt zu verteidigen!

    Der Wächter oben auf dem Turm schaut weit in’s Land, ob auch alles in Ordnung ist. Da entdeckt er oben am Waldrand vom Maasgrund Menschen - Anscheinend haben sie Uniformen an.
    Sind das vielleicht Soldaten? Feindliche Soldaten?
    Er ruft seine Frau und seinen Sohn Stefan. Die schauen auch und stimmen ihm zu: „Da sind feindliche Soldaten am Waldrand!“ – Schnell holt Stefan das Signalhorn und der Türmer bläst:

    „Tataa  -  Tataa  -  Tataa,  -  Gefahr  -  Gefahr  -  Gefahr!“

    Schon kommen die Leute zum Kirchhof gelaufen und rufen hinauf:
    „Türmer, was ist denn los?“
    „Feindliche Soldaten am Waldrand, oben am Maasgrund!“
    „Dann blas noch mal ganz laut, damit die Leute auf dem Feld merken, dass sie nach Hause kommen müssen. Wir müssen die Tore schließen.“


    „Tataa  -  Tataa  -  Tataa,  -  Gefahr  -  Gefahr  -  Gefahr!“

    Weithin ist das Horn zu hören und die Bauern auf dem Feld erkennen die Gefahr. Sie treiben Pferde und Ochsen an, damit sie mit ihren Wagen so schnell wie möglich hinter die Mauern der Stadt kommen. Kaum sind sie durchgefahren, schließen kräftige Männer die schweren Tore. Stefan hilft auch mit. Er schiebt die Riegel vor!
    Da kommt schon der feindliche General über die Wiesen marschiert und ruft mit lauter Stimme:
    „Bürger von Oberursel! Öffnet die Tore! Wir wollen die Stadt einnehmen und besetzen!“
    Da riefen die Bürger, die oben auf der Stadtmauer standen, zurück:
    „Nein! Wir öffnen die Tore nicht! Wir werden unsere Stadt verteidigen!“
    "Dann eben mit Gewalt!"

    Zornig ließ der General die große Kanone heranbringen. Ihre Räder sanken in der Wiese ein und die Soldaten mußten schwer arbeiten. Sie richteten das Rohr auf die Stadtmauer und zielten: Pulver rein, Kugel rein, Feuer dran!

    „Wumm  -  Zsch  -  Zsch  -  Zsch  -  platsch !!“

    Die Kugel war in den Wassergraben vor der Mauer gefallen. Die Bürger lachten laut und sangen zum Spott:

    Nix getroffen, Schnaps gesoffen!

    Da wurde der General noch zorniger und befahl, noch einmal zu schießen, aber diesmal besser zu zielen. Also: Pulver rein, Kugel rein, Feuer dran!

    „Wumm  -  Zsch  -  Zsch  -  Zsch  -  platsch !!“

    Und wieder lachten die Urseler Bürger:

    Nix getroffen, Schnaps gesoffen!


    Der General versammelte seine Soldaten: „In der Nacht, wenn die Bewohner schlafen, nehmt unsere Leitern, schleicht ganz leise heran, legt sie an die Mauer, steigt hinauf und klettert hinüber. Wir werden sie überraschen und die Stadt einnehmen!“
    Als die Nacht gekommen und es ganz finster geworden war, machten die Soldaten das, was der General befohlen hatte.
    Psst! Psst! - leise schlichen sie heran, leise stellten sie die Leitern an, leise stiegen sie hinauf. Gerade, als sie oben über die Mauer guckten, brüllten die Bürger alle auf einmal so laut es ging:

    UUaah !!!

    Die Bürger waren schlau gewesen. Sie hatten sich gedacht, dass die Feinde in der Nacht einen neuen Versuch machen würden. Deshalb hatten Stefan und seine Freunde die Wache übernommen und rechtzeitig die Schlafenden geweckt.

    Vor Schreck fielen die Soldaten von den Leitern. Einige stolperten und fielen in den Graben, andere verloren im Knatsch ihre Schuhe. Aus dem Tor kamen die Urseler mit Spießen und Knüppeln, mit Hacken und Mistgabeln - rannten hinter den fliehenden Soldaten her, und schrien:

    „Haut ab! Macht euch fort! Laßt euch hier nie wieder blicken!“

    Als der Türmer beim Sonnenaufgang Ausschau hielt, sah er, wie die feindlichen Soldaten mit ihren Wagen und der großen Kanone abzogen. Da nahm er wieder sein Horn und blies, diesmal aber:

    taataa   -   taataa   -   taataa,   -   vorbei   -   vorbei   -   vorbei   -   !"

    Schon kamen die Rufe:
    „Auf zum Marktplatz! Das muß gefeiert werden!“
    Stefan legte das Signalhorn an seinen Platz und gab seinem Vater die Fidel. Er sprang eilig die Treppenstufen hinunter, um seine Freunde zu treffen und mit ihnen fröhlich zu sein.

    ...zuerst erzählt von Manfred Kopp im Herbst 2000...



    Ein wichtiges Nachwort: Diese Geschichte ist nicht zum Vorlesen gedacht, sondern als Anstiftung zu eigenem Erzählen. Sie ist in der Türmerstube entstanden, hat den Ort aufgenommen.
    Ich habe ein Profil für den Ablauf vorgegeben, die Kinder haben spontan Ideen beigesteuert und die Phantasie konnte sich frei entfalten.

    Auf die verschiedenen Lautmalereien und Rufe sollte man nicht verzichten. Sie stärken das „Wir-Gefühl“.




    to be continued


    Oberursel, A.D. 2022 © M.Kopp


    Erwähnte Literatur:

    Josef Friedrich: „St. Ursula zu Oberursel. Geschichte und Geschichten, ein Bilderbuch.“ Oberursel, 2012

    Otto Böcher: „Johannes-Offenbarung und Kirchenbau. Das Gotteshaus als Himmelsstadt.“ Neukirchen, 2010

    Interessierte finden viele Vergleichsmöglichkeiten über Suchmaschinen, z.B. Microsoft bing, unter dem Suchbegriff „Bauplastik Gotik“ M.K.




  • Bericht über die Sanierung des Südportals der St. Ursula Kirche im April 2022

    Thomas Esch ist ein Bewohner der Altstadt, Gemeindemitglied und aktives Mitglied im Freundeskreis St. Ursula. Seine Familie ist seit vielen Generationen mit dem Turm, dem Gotteshaus und der Stadt verbunden. Er wohnt in einem Haus, welches nach dem dreißigjährigen Krieg erbaut wurde und sich seit dem im Familienbesitz befindet.
    Hier nun sein Bericht als Projektbetreuer:


    Es handelt sich um das etwa 3,8 m hohe, zweiflügelige Holzportal, mit den insgesamt 2 Eingangstüren, die sich jeweils in einem Torflügel befinden. Der Durchgang erfolgt direkt vom Kirchplatz und führt durch eine Windfangbereich und einer Innentür direkt in das Kirchenschiff in der Nähe des Altars.

    Bisher gingen wir von einem geschätzten Alter von zirka 100 bis maximal 120 Jahren aus. Das Eichenholz war auf der Außenseite stark verwittert, eine der 4 Scheiben im Tor-Oberlicht war verzugsbedingt gesprungen. Die Holzelemente der Türen waren aus dem Leim gelöst, und hatten sich schief gesetzt. Insgesamt klemmten auch alle anderen beweglichen Teile und waren dadurch schwergängig und ließen sich nur noch mit deutlichem Kraftaufwand bewegen. Zusätzlich drang durch die bis zu 5 cm breiten Fugen, zum schiefen Mauerwerk hin, starke Zugluft in das Gebäude.

    Mit anderen Worten: Das Portal funktionierte kaum noch, sah schlecht aus und war dringend sanierungsbedürftig.


    Türsanierung Türsanierung Türsanierung

    Die Sanierung wurde bereits seit etwa 10 Jahren erwogen und immer wieder vertagt. Allerdings bestand auch die Idee, den Eingangsbereich mit einer neuen Toranlage als Stahlkonstruktion (siehe Kirchturm) barrierefrei mit Dreifach-Verglasung und automatischem Türöffner auszustatten. Diese Variante hatte eine vehemente Gegnerschaft, die darin einen Stilbruch sahen. Die Untere Denkmalbehörde der Stadt Oberursel sowie das Kirchenbauamt der Diözese Limburg befanden sich ebenfalls darunter. Und so kam es, dass jahrelang nichts passierte und das alte Tor immer maroder wurde.

    Jedoch, wie der Zufall es wollte: Am Ende einer mehrjährigen Sanierung wurde im Dezember 2020 eine der schönsten Kirchen Frankfurts, St. Leonhard aus dem 13. Jahrhundert, wieder zur Besichtigung geöffnet.
    Hier fiel bei einem Besuch die Eichentoranlage des Westportals als augenfällig gelungen sanierte Holzkonstruktion auf. Auf Nachfrage beim Stadtdekan, ob das ein auf alt nachgebautes Tor oder ein saniertes Tor sei, beantwortete er: „Es ist vorher in einem sehr jämmerlichen, so wie kaputten Zustand gewesen und ein anerkannter Meisterschreiner seines Faches hat das so phantastisch saniert – die Schreinerei Beck in Oppenheim am Rhein!“


    Nun, da erkannt wurde, welch ein optischer Schatz aus verwittertem Holz zum Vorschein kommen kann, stand die Frage an, ob das bei unserem Portal von St. Ursula auch so ginge. Hierzu mussten die örtlichen Kirchengremien nach Zustimmung befragt werden und Herr Beck, ob er einen solchen Auftrag annehmen und zeitnah ein Sanierungsangebot abgeben könne. Die Gremien von St. Ursula stimmten zu und Herr Beck erstellte nach einem Besichtigungstermin ein Gutachten zur Machbarkeit und deren Kosten. Die akzeptable und plausible Offerte wurde schnell geprüft, der Betrag war niedriger als erwartet und fand positive Resonanz.

    Die nächste Frage ist dann die nach einem Sanierungs-Zuschuss. Hier kommen Stadt, Land und Diözese in Betracht. Unabhängig von dem Ergebnis wurde die Kostenübernahme vom Förderverein der Pfarrgemeinde, dem Freundeskreis der St. Ursula Kirche, zugesagt. Da Stadt- sowie Kirchenkasse leer sind, hatten wir die glückliche Fügung, dass das Landesamt für Denkmalpflege Hessen hier einen Zuschuss in Aussicht stellte. Nachdem die Kuratorin des LfD-Hessen sich begeistert von dem Plan zeigte, dass die bestehende Pforte nicht erneuert, sondern saniert werden sollte, wurde ganz schnell eine Zuschussbewilligung erteilt. Der Auftrag an die Schreinerei konnte noch vor Weihnachten 2021 erteilt werden und sogleich wurde das alte Tor fachmännisch ausgehängt und verladen. Im selben Zuge wurde eine provisorische und stabile Ersatztoranlage eingebaut.


    Portalsanierung Portalsanierung Portalsanierung

    Nach dem schonenden Transport in die Werkstatt wurden die Teile fachmännisch zerlegt, und die maroden durch abgelagerte Hölzer ersetzt, aufbereitet und wieder neu mit Tropenleim (feuchtigkeitsresistent) verleimt. Es mussten auch ein paar Schrauben nachgefertigt werden, dazu sind Messingkappen (der sichtbare Teil) auf moderne Edelstahlschrauben gelötet worden. Anschließend ist alles wieder nach bestem Meisterwissen winklig und passgenau zusammengefügt worden.

    Hierbei ergab sich eine neue Erkenntnis bezüglich der Altersschätzung des Portals: Bisher gingen wir von einer Anfertigungszeit des Tores von etwa 1900 bis 1920 aus. Aber die hier verwendeten handgeschmiedeten Nägel lassen auf ein viel höheres Alter schließen: Mit einer Bauzeit zwischen etwa 1850 und 1870 - danach wurden ‚nur‘ noch maschinell gefertigte Nägel verwendet.

    Über den Fortgang der Arbeiten wurde eng (mehrmals wöchentlich) mit aktuellen Sanierungsfotos berichtet, so dass der Eindruck einer guten wie gewissenhaften Gewerk-Ausführung gefestigt wurde. Auch bei einem Besuch einer kleinen Delegation in der Sanierungswerkstatt, konnten sich alle einen hervorragenden Eindruck über die guten Arbeiten vor Ort verschaffen. Am Samstag, den 26. März wurde die Nottür entfernt und die fertig sanierte Pforte eingebaut. Am Donnerstag, den 31. März 2022 wurden noch die Tür-Rücksteller montiert und kleine Anpassungen vorgenommen.




    Ein kleines Manko ist geblieben: Vor 150 Jahren hat man sich über „Barrierefreiheit“ noch keine Gedanken gemacht. So ist beim Durchtritt durch die Tür eine nicht unerhebliche Schwelle zu überschreiten. Ist aber der Torflügel nach innen geöffnet, ist der Eingang barrierefrei. Da dies im Alltag allerdings nur selten der Fall ist, gäbe es die Möglichkeit, außen das Kopfsteinpflaster anzuheben. Für die Innenseite ist bereits eine stabile Holzrampe vorhanden, diese wurde bereits allseits gelobt und wird gerne angenommen. Es besteht also noch die Option, die komplette Barrierefreiheit herzustellen.

    Insgesamt wurde alles noch vor Palmsonntag und Ostern 2022 fertiggestellt und erstrahlt in passend-frischer seidenglänzender Holzoberfläche, ist leichtgängig bedienbar und nun passt alles wunderbar. Auch ist nun eine für den Uninformierten nicht wahrnehmbare Abdeckleiste vorhanden, welche die Zugluft vermeidet. Bei der Gemeinde kam die strahlend sanierte Pforte bereits gut an. Wer jetzt die Toranlage betrachtet, kommt gar nicht mehr auf die Idee, dass dort eine Stahlkonstruktion adäquat gewesen wäre, ohne einen Stilbruch zu begehen. So passt alles harmonisch zum Gebäude und hält hoffentlich wieder viele Jahre.


    Thomas Esch




Freundeskreis St. Ursula-Kirche Oberursel
Der Stadt und den Menschen ihr Wahrzeichen erhalten